2 Generationen in der Therapie
Vergessene Kinder
Kinder drogenabhängiger Eltern
von Elisabeth Frei, ehemalige Bereichsleitung Kinder der ALTERNATIVE, Verein für umfassende Suchttherapie
Nach Schätzungen leben in der Schweiz ca. 4'000 Kinder von drogenabhängigen Eltern – in Deutschland ca. 30'000 und in den USA 10 Millionen. Überall wird nur ein geringer Prozentsatz dieser Kinder erfasst und erhält in irgend einer Form Hilfe.
Situation der Eltern
„Mancher Frau gelingt es, mit einem Traumbild und einer Wunschvorstellung von „heiler“ Familie in der Schwangerschaft keine Drogen zu nehmen. Sobald die Kinder dann aber geboren sind, und die Mütter erfahren, dass Säuglinge keine Puppen oder Teddys sind, kommen sie schnell in die Situation, die Verantwortung nicht mehr tragen zu können oder zu wollen. Meist spüren sie instinktiv, dass ihrem Kind mehr geben müssten, als sie es tatsächlich tun. Sie wissen häufig nicht, wie sie ihrem Kind gerecht werden können. Sie sind schnell übertfordert" (Helbling 1991, S. 188 – 189).
„Viele der Drogenkinder in der Schweiz sind „versteckte Kinder“ (Herzka). Die Eltern können, bedingt durch die Illegalität ihrer Sucht und deren Mittelbeschaffung, oft nur eine unbeständige und reduzierte Versorgung des Kindes garantieren.
Gleichzeitig versuchen sie, in der Anonymität zu leben, auch aus der Angst heraus, dass die Behörden auf sie aufmerksam werden und ihnen das Kind wegnehmen könnten. Dies bedeutet auch, dass sie Eltern ihr Kind isolieren, sei es, dass sie es in der Wohnung versteckt halten, sei es, dass sie ihr Kind überallhin mitnehmen. Das Kind erhält oft nur beschränkt altersgemässe Anregung und muss zugleich Anpassungen leisten, die es überfordert“ (Baumann/Zülle 1992).
Belastungsfaktoren denen Kinder in Suchtfamilien ausgesetzt sind
Geheimhaltung ist das oberste Gebot in Suchtfamilien. Die Kinder lernen meistens perfekt ihre Situation zu verheimlichen und halten in der Regel trotz der schwierigen Familiensituation zu ihren Eltern. Mit viel Aufwand und Energie setzen die Mütter häufig alles daran, um ihre Situation zu verbergen und das Bild einer „normalen“ Familie aufrecht zu erhalten.
Miterleben des Szenenalltags
Die Kinder erleben den Szenenalltag der Eltern mit, welcher geprägt ist von Gewalt, Illegalität, Prostitution, Krankheit, körperlichem Zusammenbruch, Fixen, Obdachlosigkeit usw.
Instabile Paarbeziehung der Eltern
Wichtiger Bestandteil der Beziehung zwischen Eltern ist das gemeinsame Bewältigen des Drogenalltags. Spannungen in der Paarbeziehung sind häufig. Oft werden Partner gewechselt.
Häufiger Wechsel der Betreuungspersonen der Kinder
Viele Kinder werden je nach Situation der Eltern bei den Verwandten, oft den Grosseltern untergebracht oder Freunden zur Betreuung abgegeben. Im akuten Beschaffungsstress der Eltern werden sie auch kurzfristig fremden Menschen zum Hüten überlassen.
Unverfügbarkeit der anwesenden Eltern
Vielen Eltern gelingt es, die Grundbedürfnisse ihrer Kinder (Essen, Trinken, Wickeln) zu befriedigen, sie haben aber sonst keine weiteren Kräfte mehr übrig, um auf ihre Kinder eingehen zu können.
Oft sind die Eltern infolge ihrer psychisch desolaten Situation unfähig, Elternfunktion ausreichend wahrzunehmen und auszuüben, wodurch die Kinder zunehmend verwahrlosen. Einigen süchtigen Eltern ist es nicht mehr möglich, die elementarsten Bedürfnisse ihrer Kinder wahrzunehmen. Diese Kinder entwickeln Überlebensstrategien oder sie kommen in einen psychophysisch (körperlich und seelisch) lebensbedrohlichen Zustand.
Affektabilität der Eltern
Je nach körperlichem und seelischem Befinden der Eltern, verhalten sich diese ihren Kindern gegenüber abwechslungsweise in liebevoller Zuwendung oder in gereizter Ablehnung. Alle diese Kinder lernen ihren eigenen Wahrnehmungen nicht mehr zu trauen. Sie sind mit ihren Gefühlen und Ängsten allein. Sie sind zutiefst verunsichert.
Medikamentöse Beruhigung der Kinder
Etliche Kinder werden von den Eltern mit Beruhigungsmitteln „ruhig“ gestellt, da die Eltern den Anforderungen ihrer Kinder nicht mehr gerecht werden können.
Missbrauch der Kinder durch Rollenzwang
Die Kinder von süchtigen Eltern haben oft über Jahre hinweg fast keine Möglichkeiten überhaupt Kind sein zu dürfen. Sie müssen zwangsläufig aus Überlebensnotwendigkeit heraus, unzählige Rollen übernehmen.
„Im Zusammenhang mit den drogensüchtigen Eltern wird das Kind oft zur
- Beschützerin der Eltern. Es deckt sie gegen aussen, gegen böse Drittpersonen, im Notfall lügt es damit ihnen nichts passiert, oder es wird zur
- Sozialarbeiterin oder Erzieherin der Eltern. Es übernimmt die Verantwortung im Haus und in der Familie. Es trifft Entscheidungen nicht nur für sich, sondern auch für die Eltern, es führt Aufträge aus, für welche die Eltern aufkommen müssten, es setzt letztlich die Eltern unter Druck, es befiehlt und ist die Autorität, oder es wird zur Fürsprecherin für seine Eltern, indem es gegenüber Drittpersonen, Amtspersonen, Behörden usw. einsteht. Es wird von den Eltern vorgeschoben und benutzt, damit ihnen beispielsweise nicht die Wegnahme des Kindes droht, ja es wird oft auch zur
- Partnerin oder zum Partner. Es muss Ersatz für das fehlende Familienmitglied sein bis hin zum tatsächlichen Missbrauch. Oft muss es die Rollen der
- Retterin übernehmen, sei es in lebensbedrohlichen Situationen, wenn das Kind Zeuge einer Überdosis-Situation wird, es trifft die ersten Hilfsmassnahmen. Es wird zum Anker im Leben der Eltern, sei es bei Gefahren und in Situationen des Untergehens. So übernimmt das Kind alles, bis es schliesslich zum
- Pulsschlag, zum Lebensnerv der Eltern wird. Es ist irgendwann der einzige Lebensimpuls für die Eltern, welche eigentlich für sich das Leben verweigern und einzig noch durch ihr Kind leben. Dies ist letztendlich der effektive, vollzogene Missbrauch, welcher jedem Kind in Suchtverhältnissen widerfährt.“ (Verena Schäfer).
Diese Lebensbedingungen sind eine ständige Überforderung für das Kind und führten zu Schädigungen und Defiziten. In der Arbeit mit drogenabhängigen Eltern wird leider oft vergessen, dass es immer auch um Kinderschicksale geht. Die Kinder haben niemand, der ihre Interessen vertritt. Drogenabhängige Eltern brauchen unbedingt Hilfe und Unterstützung, damit sie den Bedürfnissen der Kinder gerecht werden können, und vor allem brauchen die Kinder eine intensive Betreuung.
Frühe Hilfestellungen, sei es ambulante Betreuung und Begleitung oder stationär in einer therapeutischen Gemeinschaft speziell für Eltern und Kinder, können das Leiden der Kinder und Eltern verkürzen.
Die sozialtherapeutische Gemeinschaft ULMENHOF in Ottenbach ist eine stationäre Institution des Vereins für umfassende Suchttherapie DIE ALTERNATIVE, für ehemalige drogenabhängige Eltern, alleinerziehende Mütter und Väter und ihre Kinder.