Michelle Halbheer besucht ULMENHOF

Am 13. Februar 2014 war Michelle Halbheer, die im November 2013 mit ihrem Buch "Platzspitzbaby" Aufsehen erregte, zu Besuch im ULMENHOF der ALTERNATIVE. Während zwei Stunden unterhielt sie sich mit den KlientInnen-Müttern. Moderiert wurde der Anlass von Peter Burkhard, dem alt Gesamtleiter der ALTERNATIVE.

 

Das Eis zwischen Michelle Halbheer und den KlientInnen der ALTERNATIVE – Väter und Mütter – brach schnell. Genauso ehrlich und unmittelbar wie die 28-Jährige über ihre Kindheit und Jugend sprach und Fragen beantwortete, erzählten auch die KlientInnen über ihr Leben mit ihrer Sucht und ihren Kindern.

 

Bemerkung über Methadon

Ein Missverständnis wurde anfangs der Gesprächsrunde aus der Welt geschafft: In der Club-Sendung vom 3. Dezember 2013 auf SRF1 hatte Halbheer gesagt, dass Müttern, welche die Ersatzdroge Methadon zu sich nehmen, das Kind weggenommen werden sollte. Eine anwesende Mutter erklärte, dass es auf die verabreichte Milligramm-Dosis ankäme: "Deine Mutter hat hochdosiert (180 Milligramm täglich) Methadon eingenommen und war dadurch wahrscheinlich sehr müde und anteilnahmslos. Ich hingegen nehme pro Tag 40 Milligramm zu mir, und meine Wahrnehmung ist nicht beeinträchtigt."  

 

"Einen gewissen Druck braucht es"

Michelle Halbheer war überrascht, als sie erfuhr, dass die meisten Eltern(-teile) mit ihren Kindern quasi unter Druck ihre Therapie in der ALTERNATIVE antraten. Von einer Behörde, einem Arzt oder einem Beistand waren sie vor die Wahl gestellt worden, entweder in den ULMENHOF zu gehen oder aber ihr Kind abzugeben, weil dieses durch die elterliche Sucht gefährdet war. "Ein bisschen Druck braucht es, damit man diesen Schritt macht", sagte eine junge Mutter, die nachträglich froh ist, mit ihrem Freund und ihrer Tochter im ULMENHOF zu sein. Viele KlientInnen bekräftigten, dass auch sie die stationäre Therapie, die durch Hochs und Tiefs gekennzeichnet ist, nicht freiwillig antraten, sie aber schon bald merkten, dadurch die Möglichkeit zu haben, ihrem Schicksal und jenem ihrer Kinder eine hoffnungsvolle Wende zu geben.     

 

Mitgefühl der KlientInnen

Von den rund 15 KlientInnen hatten zwei Frauen das Buch "Platzspitzbaby" gelesen, andere hatten davon gehört. "Was du alles mitmachen musstest", sagte eine Klientin mitfühlend und brach in Tränen aus, als sie realisierte, dass Halbheer mit dem Verlust eines Teiles ihrer Kindheit und Jugend einen hohen Preis bezahlte für die verpasste Chance der Mutter, an sich zu arbeiten. Dieselbe Klientin erzählte, dass sie ihre zwei älteren Kinder schon vor einigen Jahren in eine Pflegefamilie gegeben habe. "Ich wollte nicht, dass sie wie ich aufwachsen und zum Beispiel zu Hause Spritzen herumliegen sehen. Deshalb habe ich sie zu ihrem Schutz in eine Pflegefamilie gegeben, obwohl es mir wehtat, mich von ihnen zu trennen." Eine andere Klientin meinte: "Meine Sucht empfinde ich wie einen Klotz am Bein, den ich akzeptieren muss. Sie wird mich wohl das ganze Leben lang begleiten. Ich habe erkannt, dass die Sucht heimtückisch ist und habe die Auseinandersetzung mit ihr angenommen."

 

"Heute konsumiere ich nicht"

Man könne Strategien entwickeln, sagte jemand, suchtfrei von einem Tag zum andern zu leben, indem man sich jeden Tag von Neuem sage: "Heute konsumiere ich nicht." Eine dreifache Mutter erzählte, dass sie nun bereit sei, die folgenden 20 Jahre in ihre Gesundheit zu investieren, nachdem sie 20 Jahre für ihre Sucht verschwendet habe. Es gehe nun darum, neue Wege "auszutrampeln", nicht immer denselben Weg einzuschlagen: "Wenn ich hier im ULMENHOF an mir arbeite, verbessern sich auch die Chance meines Kindes, glücklich und unbeschwert aufzuwachsen." Jemand fügte an: "Man muss der Seele bewusst Zeit geben, gesund zu werden, wenn der Körper krank ist, gibt man ihm ja auch Zeit, wieder heil zu werden."

 

Beeindruckt von den Müttern

Nach der Veranstaltung meinte Michelle Halbheer, dass wohl auch ihre Mutter letztlich froh gewesen wäre, in den ULMENHOF gezwungen worden zu sein. "Die Einsicht, dass du erleichtert sein wirst, kannst du vorher aber gar nicht haben", meinte Halbheer. "Wenn man quasi unter Druck gesetzt wird, eine stationäre Therapie zu machen, bangt man um seine Freiheit. Meine Mutter, die sich immer vehement gegen eine Langzeittherapie gewehrt hat, hätte den Switch aber wohl auch gemacht." Von den Müttern, die offen sagten, dass sie wohl das ganze Leben mit ihrer Sucht konfrontiert sein würden, und dass davon auch ihre Kinder betroffen sind, ob sie dies nun wollten oder nicht, zeigte sich Halbheer beeindruckt: "Es tut mir gut zu sehen, dass nicht jede substanzabhängige Mutter Ich-bezogen ist. Diese Erkenntnis ist sehr schön und heilsam."

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